Als ich zwölf Jahre alt war, hatte ich schon einige Jahre darüber nachdenken können, wie ich das Haar-Dilemma lösen könnte. Eines Tages, meine Haare waren schon wieder ein wenig länger, betrat ich das Zimmer meiner Schwester mit einer großen Schere in der einen Hand und einem geliehenen Langhaarschneider in der anderen.
„Schneid mir die Haare“, sagte ich ernst und warf die große Schere auf ihr Bett.
Meine Schwester schaute mich ungläubig an. Noch nie hatte ich sie aufgefordert, meine Haare zu schneiden. Bisher war es immer meine Mutter gewesen, die die Haarschneide-Prozedur in Gang gesetzt hatte.
Meine Rolle war bisher, das entsetzte Gesicht zu machen.
„Gut“, sagte meine Schwester trotzdem und holte einen Stuhl, den sie vor ihrem großen Spiegel platzierte.
„Setz dich hin“, sagte sie, als alles vorbereitet war.
„Schneid sie ab“, sagte ich. Meine Schwester begann zaghaft, zu schneiden.
„Nicht so“, sagte ich, „alles ab.“ Meine Schwester zauderte.
„Du willst alle abschneiden?“, fragte sie.
„Schneid sie ab, danach rasieren wir sie mit dem Langhaarschneider.“
„Du spinnst, das sieht doch Scheiße aus“, sagte meine Schwester.
„Mach es“, sagte ich und war selbst erstaunt über meinen bestimmten Tonfall.
Nun schnitt meine Schwester schneller, es schien, als wollte sie die Sache hinter sich bringen. Strähne um Strähne fiel zu Boden. Zügig war nichts mehr übrig, das mein Gesicht hätte verstecken können.
Kurze Büschel standen jetzt von meinem Kopf ab. Das erste Mal bemerkte ich, dass mein Kopf nicht besonders rund war, sondern am Hinterkopf sogar ziemlich platt. Eigentlich eignete sich mein Kopf nicht besonders für einen Kurzhaarschnitt. Aber darum ging es schließlich nicht.
„Jetzt den Rasierer“, sagte ich.
„Man kann den einstellen, sagte meine Schwester mit einem Blick auf das silbrig glänzende Gerät.
„Von 3 bis 12 mm“, sagte sie.
„Stell 3 ein“, sagte ich. Meine Schwester merkte, das Widerspruch sinnlos war und schloss den Rasierer an die Steckdose an. Mit einem lauten Summton fuhr das Gerät über meine Kopfhaut und entfernte auch den letzten Rest von Haaren, bis nur noch eine sehr kurze, durchscheinende Decke übrig war. Wenn man darüber fuhr, kitzelten die Stoppeln angenehm auf der Handfläche.
„Fertig“, sagte meine Schwester. „Du siehst echt bescheuert aus, Mama bringt dich um, wenn sie dich sieht.“
„Danke“, sagte ich zu ihr und packte Langhaar-Schneider und Schere zusammen.
Als ich nach oben zu meiner Mutter ging, weil es demnächst Abendessen geben sollte, starrte meine Mutter mich mit einem schwer zu beschreibenden Ausdruck in den Augen an: „Wie siehst du denn aus?“, fragte sie schließlich.
„Du hast doch immer gesagt, dass meine Haare noch zu lang sind“, antwortete ich ruhig.
Man kann ja viel über meine Mutter sagen, aber nun tat sie das Beste, was man als Verlierer tun kann. Sie ignorierte die Sache und verlor nie wieder ein Wort über meine Haare. Vielleicht grummelte sie ein wenig, aber nur, wenn es keiner hören konnte.